Nein, nicht unter Wasser. - Tegernsee war eine Gaststätte in Kassel. Goethestraße Ecke Querallee. Heute ist dort das Bocca drin, ein italienisches Restaurant. In den Sechzigern treffen sich hier die Funkamateure. Jeden zweiten Mittwoch im Monat.
Für die Zeit damals hat das Lokal große Räume. Vereinstreffen Vorträge, Schwoof. Einfache Tische. (Tischdecken vermutlich nur für das Foto.) Harte Stühle, fleckige Bierdeckel, volle Aschenbecher.
Wir drei sind 16 Jahre alt und freuen uns darauf, Mitglieder im DARC zu werden. Wir sind ein bisschen stolz darauf dazugehören zu dürfen. Die wenigen Aktenordner des DARC stehen in München, die QSL-Karten werden in Kiel vermittelt. Unsere Eltern müssen den Aufnahmeantrag unterschreiben. Volljährig werden wir erst in 5 Jahren. Mit 21. Untereinander kennen wir uns von der Schule. Und vom Sport: Rudern und Schwimmen an der Fulda. Vormittags basteln wir am Abitur und nachmittags an unseren Radios. Vormittags Goethes Faust und nachmittags Papas Lötkolben. Wir hören viel Mittelwelle: Radio Luxemburg und Radio Caroline (Stop, dann Play klicken).
Dieter, Frank und Bernd. Nachmittags treffen wir uns manchmal im Königstor in Bombentrümmern bei Lohmann und gewöhnen uns heimlich an Fassbier. Opa Lohmann ist der Keeper. Er zapft, ist geschäftstüchtig und ein bisschen schwerhörig. Wer ein Kleines bestellt, muss damit rechnen, dass zwei Große auf dem Tisch und auch auf dem Deckel stehen. Ein Kleines kostet 60 Pfennig (ca. 30 Cent).
Am Abend nehmen wir unseren Mut zusammen und fahren gemeinsam ins Tegernsee.
Alwin im weißen Hemd kommt mit seinem fahrbaren Röhren-Transceiver. Wir haben Torpedo Dreigang Nabenschaltung mit Rücktritt. Fahrräder mit Freilauf und Felgenbremse.
Wir treffen junge Männer. "Old Men". Durchweg jünger als unsere Eltern. Wir stellen uns vor als SWLs, werden beäugt und dürfen uns dazu setzen. Ein paar Wenige sind bestimmt schon 50. Die sitzen an einer Ecke zusammen und haben Bierwärmer in ihren Humpen. Stimmen, Namen und QTHs kennen wir schon vom Zuhören auf 80 Meter. Da sitzen Ludwig aus Grebenstein, Alwin aus Sandershausen, Hans von der Hasenhecke, Kurt aus Wolfsanger und Heinz aus der Olgastraße. Theo und Vit, Ralf und Renke, Jupp, Rosi und ihr Kurt, Karl-Heinz, Dieter und Eberhard. Bekannte Stimmen bekommen Gesichter. Sie klingen schon ziemlich radio-erfahren und viele der OM sind noch voll mit Kriegserlebnissen.
Wir kommen ins Gespräch. Wir lauschen den Geschichten, lernen nette Menschen und interessante Bauteile kennen und vertrauliche Bezugsquellen dazu. Manchmal gibt es auch richtig Zoff bei den Funkern im Tegernsee. Neid, Missgunst, Machtspielchen. Wir sind jung und haben sehr feine Antennen dafür. Wir trinken dann still unsere Cola aus, zahlen und überlegen, ob wir hier nochmal hingehen. Und wir wissen, dass manche Wunden von damals den Beteiligten heute noch wehtun.
Die Deutsche Bundespost gibt die Rufzeichen nach festen Regeln aus. DL4 für amerikanische Soldaten in Deutschland. DL5 für Belgier, DL7 für Funkamateure in Berlin West und DL8 für die im Saargebiet.
Soldaten sitzen mit am Tisch. Belgier aus dem Auefeld, und Amerikaner aus der Kennedy-Siedlung in Harleshausen und aus den Wohnblocks hinter der Stadthalle. Soldaten der Besatzungsmächte sind in Kassel präsent. Cliff, DL4BO, ist einer von ihnen. Sein Homecall: WB4FBS. Auch mit den Soldaten freunden wir uns schnell an. Wir ernten die Früchte unseres guten Englischunterrichts und haben Spaß am American Smalltalk. Später helfen wir ihnen beim Antennenbau und bekommen als Lohn amerikanische Zigaretten. Pall Mall, ohne Zoll und Filter. Das sind Power-Fluppen. Ganz anders als HB und Ernte 23. Damit teeren wir stolz unsere Lungen. Den American Slang haben wir bald voll drauf und ernten prompt strafende Blicke vom Englischlehrer, der auf Queens-English besteht.
Wir träumen von der A-Lizenz. Erstmal nur kleine Sendeleistung und auf manchen Bändern nur CW. Alle müssen Morsen lernen. Erst nach einem Jahr guter Führung kann man die B-Lizenz bekommen und darf überall Sprechfunk und etwas mehr Leistung machen. Seit Kurzem gibt es ein Jugendbildungswerk Kassel. DL0JK wird geboren.
Wir dürfen helfen, die große Antenne auf dem Dach zu montieren. TH6DX, ein 6-Element-Beam für 20, 15 und 10 Meter. Neugierigen Passanten erklären wir frech, dass das eine Antenne für einen eventuell künftig möglichen Farbfernsehempfang ist. Dienstags und freitags treffen wir uns abends im Schafft-Haus. Da lernen wir Funktechnik, Morsen und Gesetze und bereiten uns auf die Prüfung vor. Aber mittwochs sind wir im Tegernsee.
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