Zeit der Träume und Proteste. Vietnamkrieg und Notstandsgesetze. Unbehagen am politischen und gesellschaftlichen System der Bundesrepublik. Bei einer Demo in Berlin wird Benno Ohnesorg erschossen. Die Außerparlamentarische Opposition formiert sich. Martin Luther King wird ermordet. Unruhen in Frankreich und Polen. In der ČSSR der Prager Frühling. Sechs-Tage-Krieg. Israel besetzt Ost-Jerusalem, die Golanhöhen und das Westjordanland. In Griechenland putscht sich das Militär an die Macht. Bei einem Kaufhausbrand in Brüssel sterben mehr als 400 Menschen. - Volljährig werden wir erst mit 21. Aber viele von uns werden vorher zur Bundeswehr einberufen. Wehrpflicht. 18 Monate. - Und das Fernsehen wird bunt.
Die Amateurfunkprüfung haben wir ja schon geschafft. Jetzt auch das Abitur. Kassel hat keine Universität. Wer weiter lernen will, muss Kassel verlassen. Die Brutpflege ist beendet. Verschiedene Studien, verschiedenen Unis, verschieden Städte. 1968 und wir sind Studenten. Eine wilde Zeit. Aber freitags treffen wir uns gern wieder in Kassel. Im Schafft-Haus.
Drake TR-4 mit 300 Watt Sendeleistung und ein großartiges Sonnenflecken-Maximum. Hallo Welt, hier ruft DK1DU. - Heathkit liefert Bausätze mit Lötanleitung. So entsteht ein Stehwellenmessgerät und ganz rechts eine automatische Morsetaste (HD-10). Das Mikrofon kommt aus dem Tonband-Studio der Hals von einer alten Wandlampe. Ein Heizlüfter bläst kalt. Sicher ist sicher.
Neben dem Mikrofon muss ein Aschenbescher stehen. Und Veltins-Bier ist angesagt. In der dicken Flasche. Die erste bemannte Mondlandung ist noch ganz frisch, und die NASA verkauft eindrucksvolle Folto-Kalender. Die QSL-Karten machen deutlich, wie gut die Funkbedingungen waren damals. Sonnenflecken bis zum Abwinken. Mit 300 Watt und einem Dipol liegt uns die Welt zu Füßen.
Pfingsten 1968 treffen sich Europas Funkamateure in Wolfsburg. Wir auch. Frank leiht sich Papas Auto (ein Fahrschulwagen mit zwei Pedalsätzen). Viele Freunde haben wir dort getroffen, deren Stimme wir sonst nur vom Funken kennen.
Wir hören vom Fieldday-Contest. Das müssen wir mal ausprobieren. Wir packen das Diesel-Aggregat vom Schafft-Haus ein, dazu Dipole und eine Groundplane. Und meine Drake-Station. Wir wollen vom Dörnberg funken. In einer Felsenschlucht steht eine Holzhütte. Sie gehört zum Jugendhof. Kurt fährt den Unimog und bringt unsere Sachen nach oben. Harry und Hermann helfen beim Aufbau.
Von Contest haben wir noch gar keine Ahnung. Wir wissen nur, dass alles schnell gehen muss. Wir machen die 24 Stunden zu dritt. Einer funkt, einer loggt. Vier Stunden Dienst, zwei Stunden Pause. Alle drei Stunden tanken. Wir schreiben alle Verbindungen auf. Genug Papier haben wir mitgebracht. - Wieder in Kassel und beim Ausladen interessiert sich die Zeitung für uns.
Ein paar Wochen später haben wir Gewissheit: Erster Platz. Als Newcomer haben wir den Wettbewerb gewonnen und sind mächtig stolz.
In Baunatal soll ein Ausbildungszentrum entstehen mit Tagungsräumen für den Nachwuchs. Wir hören die Nachricht und freuen uns drauf.
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