Die erste große Koalition im Bundestag ringt um eine Notstandsgesetzgebung. Zeitgleich entsteht eine Protestbewegung, die in den Studentenunruhen von 1968 gipfeln wird. Proteste gegen den Vietnam-Krieg, aber auch gegen die NATO weiten sich aus. Die Straßenbahn zum Herkules wird stillgelegt. Kurzschuljahre. Und Sonnenflecken zum Funken. In Hülle und Fülle.
Tornisterempfänger Berta. Ein Geschenk von Harald (DJ3AS). Darunter im leeren Batterie-Kasten mein selbstgebauter Röhrenempfänger mit Rückkopplung. Rechts und verdeckt auf dem Siemens-Verstärker steht der Sender. Kosmos VFO mit Verstärkerröhre. 8 Watt AM und CW. Die PA-Spule auf einer Papprolle vom Toilettenpapier. Die Morsetaste ist eine Highmount, eine mechanische halbautomatische Taste. Mit der Handtaste morsen ist uns bei Geschwindigkeiten über 100 BpM zu anstrengend. Von elektronischen Morsetasten haben wir schon mal gehört, aber noch keine konkrete Vorstellung.
Neben der Schule lernen wir fleißig für die Lizenzprüfung. Und kurz vor Beginn der Sommerferien ist es dann soweit. Im Hermann-Schafft-Haus. Rund 20 Prüflinge sitzen an Tischreihen. Front zur Tafel. Bis auf Morsen sind die Prüfungen mündlich. Frage und Antwort. Es geht der Reihe nach. Thema für Thema, Fach für Fach. Mein Vorgänger musste die Meißner-Schaltung anzeichnen. Ich war bei Colpitts dran. Runde um Runde bis die Kommission genau wusste, was wir nicht wussten. Morsen: Drei Minuten Tempo 60 BpM. Fünfergruppen. Beim Geben darf ich meine geliebte Schlackertaste benutzen. Fast alle bestehen. Die Glücklichen am Ende bekommen Rufzeichen von der alfabetischen Rolle DK1D...
Wir sind gerade 17 geworden. Und Lizenz bekommt, wer mindestens 18 ist. Die Deutsche Bundespost drückt mindestens ein Auge zu und lässt uns junge Wilde auf die Frequenzbänder los. Schon zwei Monate später bekommen wir Lizenzklasse "B". Sprechfunk auf allen Bändern und "full power". Jetzt kann es richtig losgehen.
Frank kurbelt an meiner Berta. Im neuen Design (die Berta). Mit der W3DZZ im Garten gelingen uns Verbindungen in Europa auf 80 und 40 Meter. Wir sind mächtig stolz. Kamera: Kodak Instamatic 100 mit Schwarz-Weiß-Kasette und 12 Aufnahmen.
1966 - kommunikationstechnisch gesehen ist das ausgehendes Mittelalter. Radios sind vorhanden; Fernseher und Fernsprecher noch nicht in allen Haushalten. Radio- und Fernsehtechniker ist ein Ausbildungsberuf. Telefone haben eine Wählscheibe und Kohlemikrofone. Sie sind mit einem langen Draht an einer Dose im Haus angeschlossen. Das Internet ist unbekannt. Amateurfunk gilt noch was. Die Funkamateure im Schafft-Haus bekommen eine Super-Funkstation. Geräte fix und fertig. Bis dahin bauten die Funker ihre Sachen selbst und improvisierten viel. Ende 1966 ist Landtagswahl. Land Hessen und Stadt Kassel machen ein halbes Jahr vorher ihre Schatullen auf und finanzieren einen dicken Schreibtisch voller Geräte samt publikumswirksamer Einweihung. Dabei von der Nobelmarke Collins: der Empfänger 75S3C, der Sender 32S3, die Endstufe 30L1 und der UKW-Transverter 62S1. Da glühen viele Röhren. Daneben gibts einige Handfunk-Geräte (Tokai, 100 mW auf 28,5 MHz in AM) und eine 10-Watt-Station dazu passend: einen Johnson Viking Messenger und überdies Antennen und Kleingeräte. Im Keller steht ein Notstromaggregat bereit. Für alle Fälle. Auch für den Fieldday-Fall. Die Funkamateure freuen sich über die Gaben und die Politiker über die gute Presse.
Die Funkbedingungen sind extrem gut. Im 10-Meter-Band kann man mit kleiner Leistung fast zu jeder Zeit DX erreichen. Wir haben Tokais. Auf 28,5 MHz halten wir damit untereinander Verbindung. UKW-Funk und Handys sind noch nicht in Sicht. Ich stehe auf dem Dach des Schafft-Hauses und funke mit einem Kumpel im Stockwerk darunter. Wir messen die Richtung der großen Antenne neu ein und kalibrieren das Steuergerät. Da mischt sich ein Funkamateur aus Californien ein. Five-nine aus W6. Mit 100 mW in AM.
Eigentlich haben wir gar keine Zeit zum Funken und für andere Hobbys. In der Schule klauen sie uns gerade ein halbes Jahr. Der Schuljahresbeginn wird auf Anfang August verlegt. Bisher geht das neue Schuljahr immer am 1. April los. Das soll sich ändern. Unser zwölftes und dreizehntes Schuljahr wird je um ein Viertel Jahr gekürzt. Der Stoffplan bleibt. Lern schneller Genosse, dein Abi kommt ein halbes Jahr früher.
Aber erstmal sind Sommerferien. Auf dem Dörnberg findet der erste hessische Jugendlehrgang statt. Jugendliche ohne Nähe zu einem Ausbildungskurs wohnen und lernen gemeinsam im Jugendhof des Landes Hessen. Am Ende steht eine Lizenzprüfung. Wir haben das begehrte Ticket ja schon in der Tasche, dürfen mitkommen und die Funkstation warm halten. Tag und Nacht. DL0HJ, Hessischer Jugendlehrgang.
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